Es gibt Marken, die die Uhrmacherkunst nicht nur repräsentieren, sondern prägen. Namen, die Geschichte schreiben, Trends setzen und sich in die kollektive Erinnerung von Liebhabern und Kennern einprägen. Universal Genève ist eine solche Marke. Doch während andere Uhrenmarken, wie Patek Philippe, Rolex oder Audemars Piguet, heute Synonyme für Erfolg und Luxus sind, scheint Universal Genève fast wie ein Relikt aus einer anderen Ära zu sein – ein schlafender Riese, dessen Potenzial nie voll entfaltet wurde.
Die Geschichte von Universal Genève ist so spannend wie die Mechanismen in ihren Uhren: komplex, überraschend und voller Wendungen. Es ist eine Erzählung von technischer Innovation, ikonischem Design und einem Wechselspiel von Höhenflügen und Niedergängen.
Wir schreiben das Jahr 1897: Nach dem plötzlichen Tod seines Partners Descombes entscheidet sich Ulysse Perret, den besonnenen und brillanten Buchhalter Louis Berthoud zum neuen Partner zu machen. Das Unternehmen wird im schweizerischen Le Locle gegründet – unter dem Namen „Descombes & Perret“. Zwei Männer, eine Vision – und nur ein Jahr später präsentieren sie voller Stolz die Universal Watch Extra: ein Chronograph mit 30-Minuten-Zähler. Nicht einfach eine Uhr, sondern ein Versprechen. An die Zukunft, an Präzision, an Eleganz.

1919 verlässt das Unternehmen seine ursprünglichen Wurzeln und zieht nach Genf – in eine Stadt, die wie keine zweite für Uhrmacherkunst steht, das Zentrum der Haute Horlogerie. Der Umzug ist mehr als strategisch – es ist ein Liebesbekenntnis zur hohen Uhrmacherei. Zwei Jahre später hängen ihre Uhren an den edelsten Handgelenken der Rue de Rhône. Es war dieser Umzug, in dessen Rahmen sich das Unternehmen endgültig in „Universal Genève” umbenannte und das den Beginn einer neuen Ära markierte.
Die „Cabriolet” – eine der ersten Wendeuhren
Die 1930er-Jahre sollten alles verändern. 1933 übernimmt Raoul Perret – Sohn, Künstler, Visionär. Er liebt Architektur, malt mit Mechanik und entwirft Zeit nicht nur funktional, sondern poetisch. Im gleichen Jahr wird eine Innovation patentiert, die Geschichte schreiben sollte: Die „Cabriolet” – eine der ersten Wendeuhren. Raffiniert, elegant, spielerisch. Die Fans geben ihr den Namen, der bleibt.

Dann kommt der Krieg. 1941. Während die Welt brennt, wächst Universal Genève. Eine neue Fabrik entsteht – in nur fünfeinhalb Monaten. Dort, in Les Ponts-de-Martel, beginnt eine Ära technischer Brillanz. 1944 folgt der legendäre Tri-Compax, ein Dreiregister-Chronograph mit Vollkalender. Trotz seiner Komplexität wirkt er wie ein Gedicht: klar, geordnet, von schlichter Schönheit.
Mit der Einführung der Compax-Serie, einer der ersten Chronographen mit mehreren Totalisatoren (Helferzifferblättern), setzte Universal Genève einen Meilenstein. Der Compax war nicht nur ein technisches Wunderwerk, sondern auch ein optisches Statement, das von Piloten, Rennfahrern und Abenteurern gleichermaßen geschätzt wurde.

Der Glanz der Nachkriegszeit
Die Nachkriegszeit brachte den großen Durchbruch. Universal Genève avanciert zu einer Marke, die für Prestige, Eleganz und Innovation stand. Ihre Uhren waren nicht nur Instrumente, sondern Accessoires, die den Lebensstil der Elite widerspiegelten. 1954 hebt die Marke ab – im wahrsten Sinne: Die Polerouter, entworfen von einem 23-jährigen Gérald Genta – dem späteren Vater der legendären Royal Oak und der Nautilus von Patek Philippe – wurde zu einem Symbol für modernes Design.
Die Uhr trotzt Magnetfeldern und erinnert an einen historischen Flug über den Nordpol. Sie wurde speziell für die Besatzungen der Scandinavian Airlines entwickelt, die auf ihren Polflügen extremen magnetischen Störungen ausgesetzt waren. Das Mikrorotor-Kaliber, das Universal Genève in der Polerouter einsetzte, war eine kleine Sensation. Es kombinierte die Vorteile eines Automatikwerks mit einer flachen Bauweise und setzte neue Standards. Die Polerouter wurde ein Symbol für Abenteuergeist, Technik und Stil.
In den 1960er Jahren lebt die Klassik wieder auf. Die „Nina Rindt” – elegant und sportlich, die „Eric Clapton” – ein Chronograph für den Rockstar in jedem Gentleman. Zeit bekommt Charakter, wird zur Persönlichkeit.

Space-Compax: Die Uhr, die träumen konnte
1967 – ein Jahr, das nach Geschwindigkeit roch, nach Fortschritt, nach Himmel. Die Menschheit war im Begriff, das All zu erobern, ihre Grenzen neu zu definieren. Und mittendrin: Universal Genève, mit einer Uhr, die nicht weniger wollte, als ein Teil dieser Bewegung zu sein – die Space-Compax. Ihr Name klingt nach Raumfahrt – nach Technik und Weite, nach der Sehnsucht, dem Himmel näher zu kommen.
Doch ihre wahre Bestimmung lag im Wasser. Konzipiert für Taucher, gebaut für Tiefe. Kautschukummantelte Drücker, ein robustes Gehäuse, das der Kraft des Ozeans standhält. Ihr Design war futuristisch, maskulin, selbstbewusst. Sie war keine Uhr für den Massengeschmack – sie war für Individualisten, für Abenteurer, für Menschen, die sich nicht zwischen Eleganz und Funktion entscheiden wollten. Heute gehört sie zu den begehrtesten Modellen der Marke – ein Sammlerstück, ein Mythos am Handgelenk. Und ein bleibendes Symbol für die unbändige Lust, über das Hier und Jetzt hinaus zu denken.

Wenn Mode zur Technik wird
Wie bei vielen Traditionsmarken war auch der Erfolg von Universal Genève eng mit den Visionen ihrer Führungspersönlichkeiten verknüpft. Doch diese Visionen schienen in den 1970er-Jahren zu verblassen. Die Quarzkrise traf die gesamte Branche hart, und auch Universal Genève konnte sich dem Druck nicht entziehen. In einer Zeit, in der präzise Quarzuhren mechanische Modelle verdrängten, schien Universal Genève – wie viele andere – orientierungslos.
Es war schon das Jahr 1970, als Universal Genève beschloss, nicht nur Uhren zu bauen – sondern Träume. Für diese Aufgabe holte man sich eine Frau, die wusste, wie man Stil in eine neue Dimension hebt: Roberta Di Camerino, die große Dame der italienischen Mode. Sie war keine gewöhnliche Designerin. Sie war eine Visionärin mit Sinn für Farbe, Form und Poesie. Ihre Handtaschen trugen Königinnen, ihre Stoffe wurden zu Leinwänden. Und als sie die Einladung erhielt, eine Damenuhrenkollektion zu entwerfen, verwandelte sie Zeitanzeigen in Ausdrucksformen. Mit Roberta Di Camerino wird die Marke zum Couturier der Uhrenwelt. 1975 folgt ein technisches Wunderwerk – das Kaliber 74, das flachste analoge Quarzwerk der Welt. Es ist kaum dicker als ein Karton, aber schlägt wie ein Herz aus Titan.

Der große Umbruch – nicht zum Guten
1989 folgt ein Umbruch: Die Marke wird von dem Hongkonger Unternehmen Stelux Holdings übernommen. Dieser Besitzerwechsel markierte einen Wendepunkt – jedoch keinen zum Guten. Stelux setzte auf eine breitere Vermarktung und ein moderneres Design, doch das Herzstück der Marke, die technische Innovation, schien dabei verloren zu gehen.
Wo einst Chronographen mit Präzision und Charakter gefertigt wurden, folgten nun Modelle, die zwar solide, aber kaum mehr außergewöhnlich waren. Universal Genève verlor seinen Platz im Olymp der Luxusuhrenhersteller. Zum hundertjährigen Bestehen kehrt die „Cabriolet” als „Janus” zurück – diesmal in Platin, schwer wie Geschichte. Und dann? Fast vier Jahrzehnte Stille. Die Welt dreht sich weiter. Doch wer gut zuhört, hört es leise ticken.

Das Comeback(?)
Das Jahr 2023. Ein neues Kapitel. Partners Group und CVC Capital Partners holen die Marke zurück. Der Kauf der Marke Universal Genève durch Breitling, im Mehrheitsbesitz der Partners Group, lässt hoffen, dass dieses Symbol für die vergängliche Schönheit der Uhrmacherkunst ein Comeback erfährt. Ein Relaunch wurde für den Spätherbst 2026 angekündigt.
Heute ist Universal Genève vor allem weiterhin eine Marke, die immer noch von ihrer eigenen Vergangenheit lebt. Vintage-Liebhaber schätzen die Modelle aus den 1940er- bis 1970er-Jahren – insbesondere die Compax- und Polerouter-Serien – hoch ein. Auf Auktionen erzielen diese Stücke oft Preise, die ihren damaligen Neuwert um ein Vielfaches übersteigen. Universal Genève mag im Schatten der großen Namen stehen, doch sie hat die Zeit überdauert.


