Es gibt Geschichten, die niemals enden. Sie ruhen nur, verstummen für eine Weile. Bis jemand kommt und sie wieder zum Leben erweckt. Die Geschichte von Königin Olga von Württemberg ist so eine und sie schmeckt heute nach edelherber Schokolade, Mandelnougat und einem Hauch von Cassis. M|R-Herausgeber Christoph Scherbaum über eine besondere Herzenssache eines guten Freundes.
Als die dreizehnjährige Großfürstin Olga Nikolajewna Romanowa im Winter 1835 durch die prachtvollen Säle des Winterpalais in St. Petersburg läuft, ahnt sie nicht, welches Schicksal ihr bevorsteht. Sie ist die Tochter von Zar Nikolaus I., die Urenkelin Katharinas der Großen, aufgewachsen in einer Welt aus Gold und Seide. Sie spricht trotz ihres jungen Alters bereits fünf Sprachen, liest Philosophie, spielt Klavier wie eine Virtuosin. Und sie verfügt über eine Intelligenz und Bildung, die Zeitgenossen immer wieder staunen lassen wird.
Vernunftehe statt große Liebe
Doch Liebe zählt zu dieser Zeit nicht in den Heiratsplänen europäischer Herrscherhäuser. Im Jahr 1846, mit 24 Jahren, wird Olga mit dem württembergischen Kronprinzen Karl vermählt. Eine politische Vernunft-Ehe, arrangiert zwischen dem Zarenpalast und dem schwäbischem Königshof. Am 13. Juli heiraten sie in St. Petersburg mit allem Prunk, den das große Zarenreich aufbieten kann. Drei Monate später betritt Olga zum ersten Mal württembergischen Boden. Stuttgart empfängt sie mit Glockengeläut und Jubel.
Zwischen Glanz und Verzweiflung
Was folgt, ist ein Leben zwischen Glanz und Verzweiflung – aber auch zwischen Vision und Durchsetzungskraft. Die Ehe bleibt kinderlos, die große Liebe ist unerreichbar. Als 1881 ihr Bruder, Zar Alexander II., einem Attentat zum Opfer fällt, bricht für sie eine Welt zusammen. Doch Olga lässt sich nicht brechen. Was sie an persönlichem Glück entbehren muss, gibt sie später der Welt zurück – auf eine Weise, die weit über höfische Etikette hinausgeht.

Die heimliche Regentin
1864 wird Karl König von Württemberg. Und hier beginnt sich zu zeigen, was viele Zeitgenossen bereits ahnten: Hinter dem liberalen König, der im ersten Jahr seiner Regentschaft Presse- und Vereinsfreiheit wiederherstellt, steht eine Frau mit klarem politischem Verstand. Olga hält mit ihren Ansichten nicht hinterm Berg. Manche erheben sie gar in den Rang einer heimlichen Regentin. Gemeinsam mit Karl treibt sie von Stuttgart und vom Sommersitz Friedrichshafen aus den Umbau Württembergs vom Agrar- zum Industrieland voran.
Während Karls Vater Wilhelm I. den Grundstein gelegt hatte, bauen Karl und Olga das Eisenbahnnetz systematisch aus. Sie erkennen, dass Infrastruktur der Schlüssel zu Wohlstand und Fortschritt ist. Durch die neuen Verbindungen entwickelt sich die bedeutende Textilindustrie auf der Schwäbischen Alb, das Königspaar kümmert sich um das Großprojekt der Albwasserversorgung. Württemberg wird 1871 zwar Bundesstaat des Deutschen Reichs, doch das Postwesen und die Eisenbahnverwaltung bleiben in königlicher Hand – und Olga mischt mit.
Das Herz schlägt für die Schwächsten
Sie ist zwar keine Fachfrau, aber ihr Wissensdurst und ihre Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu durchdringen, machen sie zu einer wertvollen Beraterin. Und während sie tagsüber über Eisenbahnlinien und Industriepolitik nachdenkt, vergisst sie abends nie, wofür ihr Herz wirklich schlägt: die Schwächsten der Gesellschaft.
Mit eiserner Entschlossenheit setzt sie ihre soziale Vision durch – gegen alle Widerstände am Hof. Sie nutzt ihr beträchtliches Privatvermögen und wird zur wichtigsten Wohltäterin des Landes. Im Jahr 1847 übernimmt sie die Schirmherrschaft für die Stuttgarter Kinderheilanstalt. Aus dieser kleinen Einrichtung entsteht das spätere Olgahospital, im Volksmund liebevoll in der Region Stuttgart „Olgäle“ genannt, das bis heute eines der größten Kinderkrankenhäuser Deutschlands ist. Sie gründet ebenso die Nikolauspflege für blinde Kinder, die Olgaschwestern, Mädchenschulen, Lehrerinnenheime, Häuser für Behinderte, die spätere Karlshöhe in Ludwigsburg. Das Motto der Olgaschwestern wählt sie persönlich: „Gott sendet seine Güte und Treue.“

Die gute Königin – eigensinnig und ungebrochen
Die Männer am Hof rümpfen die Nase. Zu emanzipiert sei diese Russin, zu eigensinnig. Als Olga ihre prächtige Villa Berg bauen lässt – ihr Rückzugsort, ihr Traum in Stein –, lehnt König Wilhelm I. die Baupläne ab. Doch Olga zahlt selbst. Und baut weiter. An ihrer Villa. An ihrem Vermächtnis. An einem Württemberg, das Mitgefühl kennt und wirtschaftlich prosperiert.
Als sie am 30. Oktober 1892 in Friedrichshafen stirbt – nur ein Jahr nach König Karl –, trauert das ganze Land. Ihr Nachruf wird von allen Kanzeln verlesen. Die Menschen nennen sie ihre „gute Königin“. Ihr Privatvermögen, auf viele Millionen geschätzt, fließt in ihre Stiftungen. Mehr als hundert Jahre lang wird ihr Name weiterleben.
Eine Praline als Botschafterin
Und nun gibt es heute eine Praline. Weil es ihn gibt. Gerhard Baumann, meinen Freund, Inhaber einer bekannten und bekennender Olga-Bewunderer. Er hat jahrelang an dieser Idee gefeilt. „Ich wollte Königin Olga als Botschafterin für Württemberg ins 21. Jahrhundert holen“, sagt er. „Diese starke, ehrgeizige Frau, die sich gegen männliche Dominanz durchsetzte – die wollen wir feiern.“

Das Ergebnis schmeckt einzigartig. Die Königin Olga Kugel, die Anfang 2020 anlässlich ihres 200. Geburtstags auf den Markt kam, ist mehr als ein süßes Mitbringsel. Sie ist ein echtes Statement. Edelherbe Schokolade mit mindestens 70 Prozent Kakaoanteil – dunkel, kraftvoll, unverwechselbar. Mandelnougat – sanft, aber präsent. Und ein Hauch von Cassis. Eine feine, fast herbe Note, die überrascht.
Jede einzelne Praline wird von Hand gefertigt, von einem Chocolatier aus einer regionalen Manufaktur, die fair und ohne Kinderarbeit produziert. Die Lieferkette ist transparent, die Herstellung umweltgerecht.
Man kommt vielleicht in Versuchung sie mit der Mozartkugel vergleichen, doch der Vergleich hinkt. Während Österreichs Klassiker längst vom Fließband rollt, ist die Olga Kugel ein Unikat. Jede Praline ein kleines Kunstwerk. So wie Olga eben selbst eine Königin war, die sich nicht in die Masse einfügen wollte.
Geschenkt hätte sie sie
„Sie hätte ihre Kugeln nicht selbst gegessen“, mutmaßt Gerhard Baumann mit einem Lächeln. „Sie hätte sie Kindern geschenkt.“ Das hätte wohl auch zu ihr gepasst. Zu dieser Frau, die ein Leben lang gab, obwohl sie selbst so wenig bekam.
Heute, mehr als 130 Jahre nach ihrem Tod, erzählt diese Praline Olgas Geschichte weiter. Sie erzählt von einer Zarentochter, die ihre Heimat verlor. Von einer Königin, die nie Mutter wurde, aber Tausenden Kindern half. Von einer klugen Politikerin, die Württembergs Industrialisierung vorantrieb. Von einer Frau, die sich gegen eine von Männern dominierte Welt durchsetzte und dabei nie ihre Würde verlor. Von Güte und Weitblick, die stärker sind als Gold.
Wenn Sie also das nächste Mal eine Königin Olga Kugel in der Hand halten – nehmen Sie sich einen Moment. Schmecken Sie die dunkle Schokolade, die herbe Süße, die Komplexität. Und denken Sie an Olga. An ihre Geschichte. An ihr Erbe. Und damit sind wir wieder am Beginn dieser Geschichte: Manche Geschichten enden nie. Sie werden nur weitergegeben, von Generation zu Generation, von Herz zu Herz, von Praline zu Praline.
M|R-Tipp:
Baumann & Baltner GmbH & Co. KG
www.baumann-baltner.de
Tel. 07141 6889646
Residenzschloss Ludwigsburg, Schlossstraße 30 in 71634 Ludwigsburg
(an der Schlosskasse)
www.schloss-ludwigsburg.de
Haus des Tourismus, Marktstraße 2 in 70173 Stuttgart
www.hausdestourismus.de


