Wales – das kleinste der vier Countries Großbritanniens hat den weltweit längsten Wanderweg an einer Landesküste, mehr als 150 Strände, die meisten Burgen in Europa und dank Wasserreichtums die vermutlich grünsten Wälder. Drei Nationalparks schützen seine Berg- und Küstenlandschaft – ein Fünftel der gesamten Fläche Wales’.
Vorbei an mittelalterlichen dicken, runden Türmen, über Schornsteine und Schieferdächer schweift der Blick zum Horizont aus Meer und Bergen. Und immer wieder fällt er auf das imposante Castell Conwy – das Englands König Eduard I. bauen ließ, als er im 13. Jahrhundert Wales eroberte. Ihren Namen hat die Festung von dem Fluss, der unterhalb von ihr in das Môr Iwerddon (Irische See) einmündet. Auch die Stadt, die ringsherum entstand, trägt dessen Namen. Nach wenig mehr als einer Autostunde vom Flughafen in Manchester stehen wir auf ihrer breiten, kilometerlangen Altstadtmauer.

Von Osten bis nach Westen zieht sich die Conwy-Mündungsbucht mit bunten Fischkuttern und weißen Segelbooten. Im Süden breitet sich das „Land der Adlerberge“ von Eryri (Snowdonia) aus. Der Nationalpark, der es schützt, grenzt direkt an die Stadt. Wenig später starten wir in seine Richtung. Das Meer im Rücken, rollen wir auf schmalen Straßen durch das hügelige Weideland – weiß betupft mit unzähligen Schafen. In der Ferne recken sich die grünen Gipfel.

Allmählich geht es aufwärts. Durch die Autofenster strömt der Duft von Kräutern, Gras und Heu, gemischt mit einem Hauch von Mystik und Geschichte. Den versprühen all die vielen Burgen, Klöster und Ruinen hier. Der geheimnisvolle Zauber der oft mächtigen Gemäuer überträgt sich auf die ganze Landschaft.
Auch die knorrigen und moosbewachsenen uralten Bäume, die natursteingrauen Brücken, Mauern und ebensolchen kleinen Häuser mit viel zu großen Schornsteinen und farbenfrohen Blumengärten machen Wales ganz unverwechselbar. Als Teil von Großbritannien ist es eng verbunden mit dem Königreich, das es sich einst einverleibte. Doch erkämpfte sich die selbstbewusste keltisch-britische Nation immer mehr Autonomie. Seit 1998 verfügt sie erstmals seit 600 Jahren über eine eigene Regierung und ein Parlament. Gleichfalls einzigartig ist die Sprache in dem Fürstentum von einst: Walisisch, für Nichteingeweihte eine wahrhaft harte Nuss.

Kettenweise grüne Berge
„Wie kommen wir nach Bet …?“ Der Zungenbrecher Betws-y-coed bleibt mir glatt im Halse stecken, als ich versuche, einen Mann am Straßenrand nach unserm Tagesziel zu fragen. Schließlich zeige ich es ihm auf einer Karte. Geduldig folgt der nette Einheimische meinem Finger. „Bettüssekoid“, sagt er, verrät die beste Route in das belebte Urlaubsörtchen und empfiehlt uns: „Die beste Aussicht und viel Ruhe haben Sie im Glyntwrog House.“
Prompt wird der Rat beherzigt. Auch wenn wir später noch ein Stückchen weiterfahren: Das alte Herrenhaus mit Blick aufs Conwy-Tal ist zumindest eine Stippvisite wert. Sofort sehen wollen wir auch die zwei Wasserfälle von Betws-y-coed. Viele weitere erwarten uns in der Umgebung. Denn hier wir sind inmitten des Eryri Nationalparks. Das Typische an ihm sind seine Berge, die sich in insgesamt neun Ketten aneinanderreihen. 15 ihrer Gipfel messen mindestens 900 Meter. Der mit 1085 höchste ist Yr Wyddfa (Snowdon), zugleich die Nummer eins in Wales.

„An ihm trainierten der Neuseeländer Edmund Hillary und der Nepalese Tenzing Norgay, bevor sie 1953 als Erste den Mount Everest erklommen“, erzählt am Abend Gary von The Eagles Bunkhouse in Penmachno, während er ein Madog’s Ale zapft. „Die weniger bekannten Berge sind nicht weniger ersteigenswert. Dort hat man obendrein den Vorteil, dass einem kaum jemand entgegenkommt“, erklärt der Wirt und Wanderer. Die Rundumsicht von ganz oben sei in jedem Falle faszinierend.
Das glauben wir ihm gern, doch wollen uns bei dieser kurzen Reise auf den Gipfelblick von unten konzentrieren. „Schaut euch die Wasserfälle an!“, rät Garry. Es gebe hier so viele unterschiedliche, dass niemand fürchten muss, zweimal das Gleiche zu erleben. Und so starten wir am nächsten Tag, fast vor der Haustür, zu einer Wasserfall-Entdeckungstour. Sie führt durch hochbetagten Wald zu einer Schlucht, in die der Rhaeadr y Graig Lwyd (Conwy Falls) – geteilt in Zwillingsströme – rauschend über einen Felsen fließt.

Mangels Bäumen unbeschattet, sprudelt ein paar Meilen weiter der Cwmorthin Waterfall im stillgelegten Schiefersteinbruch westlich von Tanygrisiau über eine nacktsteinige Halde. Bis zum Rhaeadr Fawr (Aber Falls) unweit von Abergwyngregyn müssen wir ein Stückchen wandern. Als Belohnung winkt uns großes Kino von zwei kleinen Flüsschen, die erst kurz vor einer Felsenkante ineinanderfließen. Eingebettet in das dichte Grün von Berg und Tal, stürzt sich ihr Wasser 37 Meter in die Tiefe.
Der nächste Tag gehört der Ynys Môn (Insel Anglesey) ganz im Nordwesten Wales’. Nach einem Stopp im Örtchen Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch, das außer seinem 58-buchstabigem Namen auf diversen Schildern nichts wirklich Spannendes zu bieten hat, fahren wir nach Ynys Gybi (Holy Island).

Das Inselchen westlich vor Ynys Môn gilt als Pilgerstätte für Romantiker. Wir sind rechtzeitig dort. Denn als der Abendhimmel schon in allen Feuerfarben lodert, haben wir es uns auf Mynydd Twr (Holyhead Mountain), der höchsten Inselklippe, mit einer Flasche Wein bequemgemacht. 200 Meter unter uns umtost das Meer das Mini-Felseneiland Ynys Lawd (South Stack) mit seinem Leuchtturm, ringsherum nur dunkle Wellen und die roten Wolken.
Berge, Höhlen, wilde Pferde
Bevor wir Ynys Môn am nächsten Tag verlassen, besuchen wir das rekonstruierte Hügelgrab Bryn Celli Ddu sowie den Dolmen Bodowyr. Wales’ größte Insel ist bekannt für ihre vielen Kult- und Weiheorte aus der Stein- und Eisenzeit, darunter Megalithanlagen, Königsgräber und Druiden-Opferplätze.

Über 30 „Stehende Steine“ (Menhire) sind auch im zweiten Nationalpark Wales’ verteilt. Er ist unser nächstes Ziel. Benannt hat man das Schutzgebiet nach der Gebirgskette Bannau Brycheiniog (Brecon Beacons), die ihren Namen wiederum den mittelalterlichen Leuchtfeuern brycheiniog (beacons) verdankt. Im Angriffsfall loderten diese auf den roten Sandsteingipfeln. Landschaftlich bereichert wird die zauberhafte Bergwelt auch durch Moore, Wasserfälle wie der Henrhyd oder Tropfsteinhöhlen wie die 50 Kilometer lange, mehr als 300 Meter tiefe Ogof Ffynnon Ddu.
„Die meisten Wanderungen sind nicht schwierig“, meint Edward, unser Gastgeber in Cradoc nahe Brecon, und rät uns, den Parkplatz Pont ar Daf Car Park anzusteuern. Im weichen Licht der Abendsonne wandern wir von dort bequem den Pen y Fan hinauf. Mit 886 Metern ist er der höchste Berg im Nationalpark. Wie überall in Wales treffen wir Schafe. Doch wer grast da am Wegesrand? Es sind Welsh-Mountain-Ponys, die prominentesten Bewohner Bannau Brycheiniogs.

Die Vorfahren der kleinen wildlebenden Pferde waren vierbeinige Bergarbeiter, die ihr Leben lang in den Gruben schuften mussten. Heute helfen die robusten, anspruchslosen Tiere genauso wie die Schafe, durch Abweidung die Pflanzenwelt der Beacons zu erhalten. Ihnen so spontan beim Wandern zu begegnen, bleibt uns in dankbarer Erinnerung.
Steile Klippen, lange Strände
Bis auf die Ostgrenze mit England umgibt ganz Wales das Meer. Die malerischsten Küsten hat es im Südwesten. Arfordir Penfro (Pembrokeshire Coast) heißt der Nationalpark, der sie seit 1952 als Schutzgebiet vereint. Hier gibt es eine Vielzahl maritimer Landschaften vom goldfarbigen Sandstrand bis zur schwindlig hohen Klippe, von menschenleeren Inseln wie Ynys Bŷr (Caldey Island), wo Papageientaucher nisten, über scharfkantige, steilwandige Buchten, oft verwinkelt und versteckt, bis hin zu Wiesen voller Meerfenchel und Butterblumen, Moorland und von Wald gesäumten Flussmündungen.

Keine Seltenheit in Wales’ Südwesten sind auch frühgeschichtliche Kulturdenkmale. Dazu zählen Megalithen-Monumente auf der Landzunge Penmaen Dewi (St. David’s Head), der Steinkreis Waun Mawn sowie das Dolmen-Trio in den Mynyddoedd y Preseli (Preseli Hills): Carreg Coetan Arthur, Llech-Y-Tripedd und Pentre Ifan, der größte und berühmteste. Unweit davon, bei Nanhyfer (Nevern), will uns die Ausgrabungsstätte Castell Henllys in die Eisenzeit zurückversetzen. Fünf Gebäude einer Wallburg – Rundhäuser und ein Getreidespeicher – wurden auf originalen, 2000 Jahre alten Fundamenten rekonstruiert.
Kein Privatland oder störende Bebauungen stehen uns im Weg, als wir bei Trewyddel (Moylgrove) nahe Casnewydd (Newport) ein Stück der traumhaft schönen Szenerie in aller Ruhe und zu Fuß erkunden. Das sei überall so am Sir-Benfro-Küstenwanderweg, verrät uns Andrew. Wir treffen den Touranbieter am Strand der Bae Ceibwr, wo er bunte Kunststoffbretter aus seinem Firmenwagen lädt. Gleich wird er eine Stand-Up-Paddelgruppe durch die Bucht begleiten.

Der 300 Kilometer umfassende Abschnitt des fast fünfmal so langen Wales Coast Path sei der attraktivste Teil des berühmten Küstenwanderweges, so der lokale Outdoor-Spezialist. „Je nach Zeit, Gusto und Kondition kann man kurze oder lange, leichte oder sportlichere Routen wählen“, meint der Touranbieter und schwärmt von immer wieder neuen Panoramen, die man ebenso per Kajak oder Paddelbrett genießen könne. „Jedes Licht setzt Meer und Felsen auf spezielle Art in Szene“, findet Andy. Auch Eissturmvögel, Kegelrobben und Delfine sehe man vom Wasser aus wie von den Faltenklippen.
Inzwischen stehen wir dort oben und schauen auf die Bucht, wo tief unter uns die Paddler plötzlich nacheinander von der Bildfläche verschwinden. Sie fahren durch den „Hexenkessel“, eine Meereshöhle, wie es sie zu hunderten in dieser Gegend gibt. Die Sonne lässt die Küste funkeln. Der Horizont ist blau. „Jedes Licht setzt Meer und Felsen auf spezielle Art in Szene“, sagte Andy vorhin. Wir sind völlig seiner Meinung.
Ein Beitrag von Carsten Heinke


