Meine Mutter ruft mich jeden Sonntag aus Figueres an. Jüngst fragte sie: „Marcos, warum schließen deine Restaurants um 22/23Uhr? In Spanien fängt das Leben doch erst an!“ Ich erklärte ihr geduldig – wie schon hundertmal zuvor – etwas von Nachtruhe, Lärmschutzverordnungen und Anwohnerklagen. Sie schwieg kurz. Dann sagte sie: „Deutschland braucht mehr Sonne. Nicht nur am Himmel.“
Damit hat sie nicht ganz unrecht. Aber sie hat wiederum auch nicht recht.
Drei Welten, eine Straße
Jeden Sommer erleben wir hierzulande das gleiche Bild: Der Gastronom stellt die Tische raus und träumt von mediterranem Flair. Die Gäste genießen ihr Feierabendbier in der Abendsonne und fühlen sich wie im Urlaub. Und der Nachbar im dritten Stock liegt wach und fragt sich, ob er jemals wieder schlafen wird.
Drei Perspektiven, drei berechtigte Anliegen. Und alle treffen sie aufeinander – auf wenigen Quadratmetern deutscher Innenstadt. Willkommen im Spannungsfeld der urbanen Außengastronomie, wo sich mediterrane Sehnsucht und mitteleuropäische Wohnkultur täglich neu ausbalancieren müssen.

Der Gastronom: Zwischen Traum und Realität
Für den Wirt ist die Außengastronomie existenziell. Die wenigen Sonnenmonate müssen (fast) das ganze Jahr tragen. Jeder zusätzliche Tisch zählt. Dazu der Traum vom mediterranen Lebensgefühl – Gäste sollen sich wohlfühlen, verweilen, wiederkommen.
Dann die deutsche Realität: Mindestabstände, Dezibelwerte, Sperrstunden, Sondernutzungsgebühren, Bebauungspläne. Es passiert nicht selten, dass ein Gastronom sich mit solchen Punkten auseinandersetzen muss: Vier Tische, zwölf Stühle will er aufstellen. Nach zwei Stunden hat er 23 Punkte auf seiner To-Do-Liste, um alles richtig und konform zu machen. Sein Gesicht wird immer länger. Letztlich gilt es, alle Beteiligten unter einen Hut zu bekommen. Denn:
Der Gast: Urlaubsgefühl vor der Haustür
Die Gäste wollen, was sie aus dem Urlaub kennen: draußen sitzen, Sonne genießen, das Leben vorbeiziehen lassen. Ein Stück Italien in der eigenen Stadt. Nach Jahren der Pandemie dieser Hunger nach Draußen-sein, nach Normalität, nach Leben. Ist das zu viel verlangt?
Nein. Außengastronomie belebt Innenstädte, schafft Atmosphäre, macht Viertel lebenswerter. Aber – und das vergessen wir manchmal – die Piazza in Rom hat keine Wohnungen im zweiten Stock.
Der Nachbar: Wenn die Nacht nicht mehr still ist
Der Anwohner hat hier gewohnt, lange bevor die Terrasse kam. Morgens um sechs zur Arbeit. Das Baby schläft endlich. Die alte Mutter braucht ihre Ruhe. Und jetzt? Stimmen bis 22 Uhr, manchmal länger. Klappernde Stühle. Zigarettenrauch im Schlafzimmer.
„Seien Sie nicht so verbittert“, bekommt er zu hören. „Genießen Sie doch das Leben!“ Aber er will ja nicht verbittert sein. Er will nur schlafen können. Ist das zu viel verlangt?
Wo ist der Ausweg? Was alle tun können
Die gute Nachricht: Es gibt Lösungen. Aber sie erfordern Verständnis von allen Seiten.
Schön wäre: Weniger Bürokratie und mehr Miteinander. Es fehlt das gesellschaftliche Miteinander und das gegenseitige Rücksichtnehmen. Weniger Lärm am Abend auf der Gasse würde allen gut tun.
An die Gäste: Über euch wohnen Menschen mit frühem Wecker. Lacht gerne – aber nicht um Mitternacht. Stellt Stühle leise ab. Und wenn der Wirt um 21.45 Uhr zum Ende bittet: Er will morgen noch Gäste empfangen dürfen.
An die Anwohner: Die Außengastronomie bringt Leben in eure Straße, wertet euer Viertel auf. Redet mit dem Wirt, wenn es zu laut wird. Oft weiß er nicht, dass ihr leidet. Und der Trost: In zwei Monaten sitzen alle wieder drinnen.
Die Kunst des Miteinanders
Am Ende geht es um Balance. Ja, wir dürfen vom mediterranen Flair träumen. Ja, wir sollten unseren Gästen Lebensqualität bieten. Aber nein, wir können nicht einfach Madrid nach Deutschland verpflanzen.
Und wissen Sie was? Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Denn in unserer spezifisch deutschen Art, Außengastronomie zu betreiben – mit all den Regeln, Kompromissen und Rücksichtnahmen – liegt auch etwas Wertvolles: ein Respekt vor dem Miteinander, eine Suche nach Lösungen, die für alle funktionieren.
Vielleicht braucht Deutschland gar nicht mehr Sonne – sondern einfach mehr Miteinander.
Ein Beitrag von Marcos Angas
Er ist erster Vorsitzender des DEHOGA Kreisverbandes Ludwigsburg. Geboren als Sohn eines katalanischen Gastarbeites und einer deutschen Mutter, verbindet er in seiner Arbeit südländische Gastfreundschaft mit deutscher Gründlichkeit – und weiß aus eigener Erfahrung, wo die Herausforderungen liegen.
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