Aufgewachsen auf dem Reiterhof von Großvater und Tante in einem Teilort Crailsheims im Hohenloher Land, hat Carina Harnisch einen Weg genommen, der spannend war: 21 Jahre in der Industrie bei Würth Elektronik, ehe sie ohne klassische reiterliche Berufsausbildung den Schritt in den Vollprofisport wagte. Die Trägerin des Goldenen Reitabzeichen hat Erfolge bis zur Klasse S**** international vorzuweisen und schrieb im Jahr 2024 gleich zweimal Schlagzeilen: Erst der Finalsieg im iWEST-Dressurcup bei den Stuttgart German Masters, dann wenig später gewann sie mit ihrem selbst ausgebildeten Fuchs DSP Sheldon Cooper das Finale des renommierten Louisdor-Preises beim Frankfurter Festhallenturnier. Mit dem Jubiläumsturnier auf Domäne Monrepos vom 11. bis 14. Juni 2026 kehrt sie an einen Ort zurück, der ihr seit Jahren besonders am Herzen liegt. Ein Gespräch über Passion, Geduld – und ein Pferd, das einfach nicht vorwärts wollte.
Was bedeutet Reiten für Sie persönlich – ist es Sport, Kommunikation oder eine Lebensphilosophie?
Für mich ist Reiten eindeutig eine Lebensphilosophie – das würde ich ohne zu zögern sagen. Es bedeutet mir eigentlich alles. Ich kann mir ein Leben ohne Reiten und vor allem ohne Pferde schlicht nicht vorstellen. Das ist keine Übertreibung, das ist mein Ernst. Wer mich kennt, weiß: Ich bin mit Pferden aufgewachsen, schon bevor ich laufen konnte, saß ich im Sattel. Der Reiterhof meines Großvaters und meiner Tante war meine Kindheitswelt. Pferde waren immer da – und ich wäre nicht die, die ich bin, wenn das anders gewesen wäre.
Natürlich ist Reiten auf Turnierniveau auch Hochleistungssport, keine Frage. Aber der reine sportliche Ehrgeiz ist für mich nie der einzige Antrieb gewesen. Es geht um die Verbindung, um das Gespräch mit dem Tier, um eine Beziehung, die man täglich neu aufbauen und pflegen muss. Das hat etwas zutiefst Menschliches – und gleichzeitig bringt es einen an Grenzen, die man alleine nie erreichen würde.

Sie haben selbst viele Pferde auf ihrem Weg begleitet – was ist für Sie der schönste Moment im Zusammenspiel zwischen Reiter und Pferd?
Da gibt es viele schöne Momente – aber der allerschönste ist wohl jener Augenblick, in dem man spürt, dass das Pferd einem vollkommen vertraut. Wenn Reiter und Pferd wirklich eins werden. Im Sport ist das natürlich besonders eindrücklich, wenn das Pferd sein Bestes für einen gibt, wenn man merkt, dass es nicht nur funktioniert, sondern dass es auch will. Diese Energie ist schwer zu beschreiben – man fühlt sie aber sofort.
Und dann gibt es noch die ganz stillen Momente: wenn ich einfach ausreiten gehen kann, wenn ich Spaß mit meinen Pferden habe, ohne dass irgendetwas auf dem Spiel steht. Kein Richter, kein Viereck, kein Ergebnis. Nur das Pferd und ich und vielleicht ein Feldweg in der Morgenstille. Das sind die Momente, die einen auffüllen. Mit DSP Sheldon Cooper – dem Fuchs, den mein Mann Sebastian einst kaufte, weil ihm schlicht der Name gefiel – erlebe ich das regelmäßig. Jeden Morgen gehen wir ins Gelände, außer wenn es regnet, denn Wasser ist nicht sein Element.
Viele Menschen träumen davon, reiten zu lernen. Was würden Sie einem absoluten Anfänger raten?
Holen Sie sich guten Rat – und das heißt vor allem: einen sehr guten Trainer. Das ist das Wichtigste überhaupt. Reiten ist eine der komplexesten Sportarten, die es gibt, weil man mit einem Lebewesen arbeitet, das eine eigene Persönlichkeit, eigene Bedürfnisse und eigene Stimmungen mitbringt. Da braucht man jemanden, der einem die richtigen Grundlagen vermittelt und der auch dann noch verlässlich führt, wenn es schwierig wird.
Und schwierig wird es. Tränen, Schweiß und Niederlagen – die wird es sehr, sehr oft geben. Das gehört dazu, das ist normal, das ist sogar wichtig. Man darf sich davon nur nicht entmutigen lassen. Weitermachen, wieder aufstehen, weitermachen. Wer das verinnerlicht, hat schon das Wesentlichste verstanden, was dieser Sport einem beibringen kann.

Was würden Sie jungen Reiterinnen und Reitern sagen, die den Traum vom großen Dressurviereck haben?
Durchhaltevermögen. Das ist das eine Wort, das ich jedem jungen Reiter mitgeben würde. Wenn man hinfällt – und das wird man, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn –, dann steht man wieder auf. Man glaubt an seine Träume, auch wenn die Umstände gerade dagegen zu sprechen scheinen. Und man verliert dabei niemals das Pferd aus den Augen. Das Tier dahinter, das muss man stets im Blick behalten. Der Sport fängt mit dem Pferd an und hört mit ihm auf.
Ich selbst bin ja keine klassische Profi-Reiterin, die mit 16 auf die Reitschule gegangen ist. Ich bin Betriebsfachwirtin, habe über zwei Jahrzehnte in der Industrie gearbeitet und bin einfach in diesen Sport hineingewachsen. Das hat mir manchmal Türen verschlossen – und andere geöffnet. Es zeigt aber vor allem eines: Wenn man wirklich will, findet man einen Weg.
Als Ausbilderin von Pferden im gehobenen Sport: Was macht ein »besonderes Pferd« aus – und wie erkennt man das Potenzial für die große Bühne?
Ein besonderes Pferd hat das gewisse Etwas, das man nicht erzwingen und auch kaum erklären kann. Diese Pferde wollen immer einmal mehr als andere. Sie sind vielleicht nicht immer ganz einfach im Umgang – sie haben ihre eigenen Bedürfnisse, manchmal ihre Launen, ihre Prinzipien. Aber sie sind für die Bühne gemacht. Das spürt man. Die gehen immer einen Schritt weiter noch.
Mein Sheldon Cooper ist so ein Pferd. Ein 1,91 Meter großer Fuchs. Bei uns machte es klick. Wir wurden ein Team. 2021 holten wir Silber beim Bundeschampionat der sechsjährigen Dressurpferde in Warendorf. Drei Jahre später, beim Louisdor-Preis in Frankfurt, stand unser erster Grand Prix an – und wir gewannen das Finale. Das vergesse ich nie.

Sie arbeiten tagtäglich mit Pferden auf höchstem Niveau – worin liegt für Sie die größte Erfüllung in dieser Arbeit?
Ich möchte an dieser Stelle einen kleinen Irrtum richtigstellen: Ich bin keine gelernte Pferdewirtin, sondern Quereinsteigerin. 21 Jahre lang war ich bei Würth Elektronik tätig – das prägt einen, das formt einen. Und dann hat es mich einfach in die andere Welt gezogen, komplett und unwiderruflich.
Was die Tiere einem zurückgeben, das kann nichts auf der Welt ersetzen. Das lässt mich jeden Morgen aufstehen – auch um vier Uhr, auch sonntags, auch wenn das Wetter nichts taugt. Wie dankbar Pferde sein können, wie ehrlich die Verbindung ist, die sie einem anbieten – das ist so viel, dass man es kaum in Worte fassen kann. Es ist keine Sentimentalität, es ist schlicht Tatsache: Diese Tiere spiegeln, wer man ist. Sie lügen nicht. Sie zeigen einem täglich, wo man steht, was man besser machen kann, wer man werden kann. Das ist manchmal unbequem – aber immer wertvoll.
Sie starten regelmäßig auf Turnieren in Monrepos – was verbinden Sie mit der Domäne als Reitplatz, Trainingsort und Turnierstandort?
Monrepos ist ein ganz, ganz besonderes Turnier. Die Atmosphäre dort ist einzigartig – es ist immer wieder wie Heimkommen. Es macht wirklich Freude, dort zu reiten, der Platz, das Schloss im Hintergrund, diese Stimmung, die entsteht, wenn alles zusammenpasst.
Und dann gibt es da noch eine Anekdote, die ich nie vergessen werde. Mit Sunny, meinem Herzenspferd, das leider letztes Jahr von uns gegangen ist, stand ich einmal auf dem Monrepos-Viereck in einer Dressurpferde-L-Prüfung. Sunny war das Pferd, das mir den Weg in den großen Sport geebnet hat – mit ihr ritt ich meinen ersten Grand Prix und meine erste Drei-Sterne-Tour. An jenem Tag in Monrepos aber wollte sie schlicht nicht: nicht vorwärts, nicht rückwärts, gar nichts. Man musste mich herausführen. Ich muss schmunzeln, wenn ich daran denke – und gleichzeitig habe ich Sunny unendlich viel zu verdanken. Diese kleine Geschichte gehört zu Monrepos, ob ich will oder nicht.

Was unterscheidet die Atmosphäre auf der Domäne Monrepos von anderen Turnierplätzen?
Was Monrepos so besonders macht? Es ist ein Turnier von Reitern für Reiter. Das merkt man an jedem Detail – und ich meine das ganz wörtlich. Die Plätze werden sorgfältig gepflegt, es wird darauf geachtet, dass die Pferde an nichts mangeln, dass die Parkmöglichkeiten stimmen, dass alles reibungslos funktioniert. Das sind vermeintlich kleine Dinge, aber in der Summe machen sie den entscheidenden Unterschied. Man spürt, dass hinter diesem Turnier Menschen stehen, denen wirklich etwas daran liegt.
Dazu kommt die Lage: Das Schloss Monrepos als Kulisse, die Parkanlage, der besondere Charakter der Domäne – das ist einfach nicht zu toppen. Ich habe auf vielen Plätzen in Deutschland und darüber hinaus gestartet, aber diese Kombination aus Atmosphäre, Qualität und echtem Herzblut der Veranstalter findet man selten. Monrepos hat eine Seele.
Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken – und vielleicht auch einen Blick in die Zukunft werfen: Welche Ziele treiben Sie heute noch an?
Zurückblicken? Das will ich eigentlich noch gar nicht – denn ich bin der festen Überzeugung: Meine Karriere läuft weiter. Es gibt noch so viel zu erreichen, so viel, das vor mir liegt. Und das ist keine Durchhalteparole, das ist meine echte Überzeugung. Man lernt in diesem Sport nie aus. Jeden Tag lerne ich von meinen Pferden, weil sie mich und mein Tun spiegeln – sie sind mein ehrlichstes Feedback.
2024 war ein außergewöhnliches Jahr: der Finalsieg im iWEST-Dressurcup in der Stuttgarter Schleyer-Halle mit Francis, danach der Louisdor-Preis in Frankfurt mit Sheldon Cooper, die Teilnahme auf der internationalen 4-Sterne-Tour – das waren Meilensteine, von denen ich lange geträumt habe. Aber das ist nicht das Ende der Geschichte, sondern ihr Beginn. Ich habe mich entschieden, mein Leben vollständig den Pferden zu widmen. Das fühlt sich, wenn ich ehrlich bin, wie das Richtigste an, was ich je getan habe.
Und was ich jungen Reiterinnen und Reitern mitgeben möchte, das habe ich ja schon gesagt: Durchhaltevermögen. Aufstehen, wenn man hinfällt. An seine Träume glauben. Und das Tier dabei niemals vergessen. Das gilt für alle. Das gilt auch für mich.


