Sie schreibt auf Papier, auf Autos, auf Schaufensterpuppen – und im Lavagestein einer Vulkaninsel. Sigrid Artmann bricht alle Regeln der Kalligrafie. Ihre Schrift muss man nicht lesen können, um sie zu verstehen. Warum diese Künstlerin zeigt, was wir verlieren, wenn wir das Schreiben von Hand aufgeben.
Es gibt Momente im Leben, die einen nicht mehr loslassen. Für mich war es ein Nachmittag vor über 15 Jahren, als ich zum ersten Mal einer Frau begegnete, die mit einem breiten Pinsel über ein riesiges Blatt Papier strich – kraftvoll, wild, kompromisslos. Das war keine Schönschrift. Das war keine Kalligrafie im klassischen Sinne. Das war Rebellion. Das war Sigrid Artmann.
Schon als Kind faszinierte mich Handschrift. In der Grundschule begeisterte mich meine Lehrerin für Schönschrift, später, in den 1970er-Jahren, experimentierte ich mit Letraset – diese kleinen Bögen mit Buchstaben, die man durchrubbeln konnte. Jede Schriftart war wie eine neue Welt. Texte, handgeschrieben, ziehen mich bis heute an. Aber ich hatte nie gedacht, dass Schrift mehr sein könnte als Kommunikation. Bis ich Sigrid traf.

Die Kalligrafie-Rebellin
Sigrid Artmann trägt einen Titel, den man nicht alle Tage hört: Kalligrafie-Rebellin. International ist sie unter diesem Namen bekannt – und das völlig zu Recht. Denn was sie mit Schrift macht, sprengt jeden Rahmen, jede Konvention, jede Erwartung.
Seit mehr als 20 Jahren konzentriert sie sich in ihrer künstlerischen Arbeit auf die Schrift. Doch anders als klassische Kalligrafen, die historische Alphabete perfektionieren, befreite sich Sigrid zunehmend von ihren Lehrmeistern. Sie entwickelte ihre eigene Handschrift. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kraftvolle, fast aggressive Buchstaben stehen neben feinen, zarten Rhythmen. Lesbare Worte neben unlesbar geschriebenen Linien. Es ist ein Tanz zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen Form und Freiheit.

Schrift jenseits der Lesbarkeit
Was mich an Sigrids Arbeit besonders fasziniert, ist ihr Mut zum Grenzbereich. In den vergangenen Jahren hat sie sich immer mehr dem sogenannten „Asemic Writing“ zugewandt – einer zeitgenössischen Kunstform, die die Grenzen der Lesbarkeit verlässt. Hier geht es nicht mehr darum, eine Botschaft zu übermitteln. Hier geht es um den Akt des Schreibens selbst. Um den Körper, den Atem, die Intuition.
Sigrid nennt es „Absolutes Schreiben“. Wenn sie arbeitet, lässt sie sich von ihrem Körper leiten. Der Pinsel folgt nicht mehr dem Kopf, sondern dem Gefühl. Was dabei entsteht, ist schwer zu beschreiben – es sind Schriftbilder, die man nicht lesen kann, aber trotzdem versteht. Man spürt die Energie, die Bewegung, die Emotion. Es ist, als würde die Schrift atmen.

Wenn Schrift und Malerei verschmelzen
Was viele nicht auf den ersten Blick erkennen: Sigrids Arbeiten sind nicht nur Schrift. Sie sind auch Malerei. Durch die Verbindung von Schrift und malerischen Elementen entstehen Kunstwerke, die ihre ganz eigene Handschrift tragen – im doppelten Sinne. Manchmal beginnt sie mit einem Wort, einem Satz, einem Gedanken. Und dann geschieht etwas Magisches: Die Schrift löst sich auf, wird zur Linie, zum Rhythmus, zur Fläche. Farbe kommt ins Spiel – oft zurückhaltend, manchmal explosiv. Tusche trifft auf Aquarell, Kohle auf Acryl.
Ich erinnere mich an ein Werk, das mich besonders berührt hat: Eine großformatige Arbeit auf handgeschöpftem Papier. Im Zentrum ein Wort – kraftvoll, fast brutal geschrieben. Drumherum feine, fast zerbrechliche Linien, die wie ein Echo wirken. Und dann diese Farbverläufe, die das Papier zum Leuchten bringen. Man könnte das Werk als reinen Text lesen. Man könnte es als abstrakte Malerei betrachten. Aber eigentlich ist es beides gleichzeitig – und genau das macht Sigrids Kunst so einzigartig.

Was mich immer wieder fasziniert: Ihre Arbeiten verändern sich, je nachdem, aus welcher Distanz man sie betrachtet. Aus der Nähe sieht man die Struktur des Papiers, die Pinselstriche, die kleinen Unvollkommenheiten, die das Werk lebendig machen. Aus der Ferne erkennt man die Komposition, die Balance, die Spannung zwischen den Elementen. Und manchmal – wenn das Licht richtig fällt – sieht man plötzlich Worte, die vorher nicht da waren. Es ist, als würde die Schrift mit einem spielen.
Das ist es, was ich an ihrer Kunst so liebe: Sie fordert einen heraus. Sie verlangt Zeit, Aufmerksamkeit, Offenheit. Man kann nicht einfach vorbeigehen und sagen „schön“. Man muss sich einlassen. Und wenn man das tut, wird man belohnt.
Von Papier bis Performance
Sigrid arbeitet nicht nur auf Papier – obwohl Papier in ihren Arbeiten omnipräsent ist. Sie liebt die Haptik, die Oberfläche, die Art, wie Tusche auf unterschiedlichen Papiersorten reagiert. Doch sie verlässt auch diese Begrenzung. Ihre Schrift findet man auf Autos, Schaufensterpuppen, Skulpturen, Fenstern. Ja, sogar im öffentlichen Raum tauchen plötzlich ihre handgeschriebenen Botschaften auf – auf Plätzen, Wegen, Mauern.

Besonders beeindruckend sind ihre Performances. Seit Jahren verbringt Sigrid jeden Winter mehrere Monate auf Lanzarote, der atlantischen Vulkaninsel. Dort, inmitten der rauen, ungezähmten Natur der Feuerberge, entstehen nicht nur Arbeiten auf Papier, sondern auch temporäre Installationen.
Ihre Performance „Entre Dos“ sorgte in den spanischen Medien für Aufmerksamkeit. Ich kann verstehen, warum: Es ist hypnotisch, ihr dabei zuzusehen, wie sie mit dem Körper schreibt, wie sie die Landschaft zur Leinwand macht.
Gemeinsame Projekte, gemeinsame Leidenschaft
Seit mehr als 15 Jahren begleitet mich Sigrid nun schon – als Künstlerin, als Mentorin, als Freundin. Wir haben gemeinsam Projekte gestaltet, Ausstellungen kuratiert, Ideen entwickelt. 2023 realisierten wir beispielsweise das Cubus-Projekt. „Mutabor“ – so der Titel – ist mehr als nur ein Objekt. Es ist eine Hommage an die Verwandlung, an die Kraft der Schrift, Dinge zu verändern.

Beim diesem Kunstobjekt für die Karlshöhe in Ludwigsburg handelte es sich um ein Charity Projekt, bei dem die Würfel zugunsten der Einrichtung versteigert wurden.
Was ich in diesen Jahren gelernt habe? Dass Schrift mehr ist als ein Werkzeug. Dass sie kraftvoll sein kann, poetisch, rebellisch. Dass sie nicht immer lesbar sein muss, um verstanden zu werden. Sigrid hat mir gezeigt, dass Schreiben ein Akt der Freiheit ist – und dass man manchmal die Regeln brechen muss, um etwas Neues zu schaffen.

International anerkannt
Sigrids Erfolg beschränkt sich längst nicht mehr auf Deutschland. Kürzlich hatte sie eine sehr erfolgreiche Einzelausstellung in der renommierten Lilienthal Gallery in Knoxville, Tennessee. Ihre Arbeiten werden in Europa und den USA ausgestellt, sie unterrichtet an Kunstakademien, schreibt Bücher, teilt ihr Wissen. Seit 2013 wurde sie vielfach ausgezeichnet und erhält immer wieder lobende Rezensionen für ihre einzigartige künstlerische Vision.
Aber trotz all der internationalen Anerkennung ist Sigrid bodenständig geblieben. Sie experimentiert weiter, sucht neue Wege, hinterfragt sich selbst. Das ist es, was wahre Künstler ausmacht: Sie ruhen sich nie auf dem Erreichten aus.

Warum Sigrids Kunst wichtig ist
In einer Welt, in der wir kaum noch von Hand schreiben – in der Texte getippt, kopiert, eingefügt werden – erinnert uns Sigrid Artmann daran, was wir verlieren, wenn wir die Handschrift aufgeben. Jeder Strich, den sie setzt, ist ein Unikat. Jede Linie trägt ihre Energie, ihren Atem, ihren Moment. Das kann keine Maschine replizieren.
Ihre Kunst ist auch eine Einladung: Schau genauer hin. Lass dich ein. Du musst nicht alles verstehen, um etwas zu fühlen.
Sigrid Artmann hat mir nicht nur die Welt der Kalligrafie geöffnet – sie hat mir gezeigt, dass Kunst dann am stärksten ist, wenn sie mutig ist. Wenn sie Grenzen überschreitet, wenn sie provoziert, wenn sie uns aus unserer Komfortzone holt.

Wer ihre Arbeiten sieht – ob auf Papier, in Performances oder im öffentlichen Raum – wird nicht unberührt bleiben. Denn Sigrids Kunst trägt im wahrsten Sinne des Wortes ihre eigene Handschrift. Und diese Handschrift ist kraftvoll, rebellisch und wunderschön.
Besuchen Sie ihre Arbeiten online unter www.schrift-kunst-werkstatt.de oder folgen Sie ihr auf Instagram unter @bluebarella. Es lohnt sich.
Es grüßt Sie aus dem bunten Kunsthaus in Ludwigsburg
Ihre
Barbara Watzl
Barbara & Peter Watzl haben in den Jahrzehnten ihres Bestehens einige schöne Höhen aber auch unschöne Tiefen erlebt. Mit erstaunlicher Hartnäckigkeit haben sie sich am Kunstmarkt in der Region zwischen Heilbronn und Stuttgart sowie durch Ihren Onlineauftritt – auch überregional – ein feines und interessantes Kunstfan-Publikum aufgebaut.
info@artmix24.de oder auf www.artmix24.de


