(Bild: © 2019 / 2026 GRUENER JANURA AG, Glarus, Schweiz. Alle Rechte vorbehalten.)

Die Kunst des Unikats

Seit 17. September zeigt das Kunsthaus Watzl in Ludwigsburg Originalgrafiken von Hundertwasser – 10.002 Blätter, kein einziges gleicht dem anderen.

Vor einiger Zeit haben wir in MON|REPOS an dieser Stelle bereits von Friedensreich Hundertwasser erzählt – von seinem Leben, seiner Vision einer naturverbundenen Architektur, seinem unermüdlichen Kampf gegen die gerade Linie.

Diesmal nehme ich Sie mit in ein anderes Kapitel seines Schaffens, das auch Barbara Watzl, der Ludwigsburger Galeristin, besonders am Herzen liegt: seine Druckgrafik. Denn kaum irgendwo zeigt sich deutlicher, wie ernst es diesem Visionär mit der Kunst war – und wie viel Vergnügen er dabei hatte, die Maschine, die immer Gleiches herstellt, auszutricksen.

Für Hundertwasser war Kunst nie bloße Dekoration. Sie sollte ein Ort der Andacht sein, ein Raum innerer Einkehr, in dem Menschen zur Ruhe kommen und seelische Orientierung finden. Diese fast religiöse Auffassung von Kunst prägte auch sein druckgrafisches Werk – ein Werk, das ihn international bekannt machte, weil es erschwinglicher war als seine Gemälde und dadurch viele Menschen erreichte, die sonst nie mit seiner Kunst in Berührung gekommen wären.

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Vom Traum zur Druckplatte

Ausgangspunkt war für Hundertwasser stets die Malerei – eine, wie er selbst sagte, „vegetative“ Malerei, die langsam und unscheinbar wächst. Das fertige Bild war für ihn die Ernte eines Traums, hervorgegangen aus einer verborgenen inneren Gegenwelt.

Die Druckgrafik dagegen verlangte etwas völlig anderes: Planung, technisches Wissen, die enge Zusammenarbeit mit Druckern. An die Stelle des traumgleichen Malens trat das Denken in Farbzerlegungen, in Druckplatten und Sieben. „Es ist bezeichnend, dass sich ein Künstler, der so sehr an die Intuition glaubte, ausgerechnet auf einen der handwerklichsten aller künstlerischen Prozesse einließ – und ihn zu seinem ganz eigenen Paradies machte“, sagt Barbara Watzl.

Kein Blatt wie das andere

Und doch, oder gerade deshalb, wurde er zu einem der großen Erneuerer der Druckgrafik. Lithografie, Siebdruck, Radierung, Farbholzschnitt, Mixed Media – Hundertwasser beherrschte sie alle und trieb sie an ihre Grenzen. Er experimentierte mit fluoreszierenden Farben, reflektierenden Glasperlen, Metallfoliendruck, Samtaufblasungen, Prägungen. Sein erklärtes Ziel:

Die Maschine zu überlisten, die immer Gleiches herstellt. Jedes Exemplar einer Auflage sollte sich von allen anderen unterscheiden. Im Werk „10002 Nights Homo Humus Come Va How Do You Do“ trieb er dieses Prinzip auf die Spitze: In einer Auflage von 10.002 Exemplaren gleicht kein einziges Blatt dem nächsten – 10.002 Unikate. Wo sonst in der Kunstgeschichte findet man so etwas?

Wichtig war Hundertwasser dabei auch die Transparenz: Auf vielen seiner Grafiken finden sich geprägte oder gestempelte Angaben zu Farbvarianten, Technik und Auflagenhöhe. Er gehörte zu den ersten Künstlern überhaupt, die so offen mit den Entstehungsbedingungen ihrer Werke umgingen.

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Die Reise nach Japan

Eine der schönsten Geschichten aus Hundertwassers grafischem Schaffen führt nach Japan. 1950 sah er in Italien zum ersten Mal Farbholzschnitte von Hiroshige und Hokusai – und war zutiefst beeindruckt von deren Leichtigkeit, die ihm vorkam, als seien sie mit Aquarellfarben gemalt, ganz anders als die oft schwereren europäischen Holzschnitte.

Es dauerte Jahre, bis er 1961 selbst nach Tokio reiste, um mit japanischen Holzschnittmeistern zusammenzuarbeiten. Er war der erste europäische Maler überhaupt, dessen Werke von japanischen Meistern geschnitten und gedruckt wurden – kein leichtes Unterfangen, denn seine Farbenfülle in die notwendige Vielzahl an Holzauszugsplatten zu übertragen, war eine enorme technische Herausforderung.

Für Hundertwasser war es selbstverständlich, dass Holzschneider und Drucker ihre eigenen Signaturen und Stempel auf den Blättern hinterließen – so wie es in Japan Tradition ist. Am Rand seiner japanischen Farbholzschnitte finden sich bis heute kleine Punkte: runde für den Anteil von Schneider und Drucker, quadratische oder nummerierte für Hundertwassers eigene Hand. Ein stilles, aber sehr sprechendes Zeichen der Zusammenarbeit.

Radierung und Siebdruck

Auch der Radierung widmete sich Hundertwasser mit Hingabe. Bereits 1962 arbeitete er selbst an der Platte, seine eigentliche Auseinandersetzung mit der Tiefdrucktechnik begann jedoch erst 1974 in Wien, in Zusammenarbeit mit den Druckern Robert Finger und Wolfgang Raab. „Besonders reizvoll ist seine Kombination aus Radierung und Aquatinta mit farbigen Papiercollagen, der sogenannten Chine-Collé-Technik – daraus entstehen irisierende, geradezu malerische Verläufe“, sagt Barbara Watzl.

(Bild: © 2019 / 2026 GRUENER JANURA AG, Glarus, Schweiz. Alle Rechte vorbehalten.)

1968 entdeckte er dann den Siebdruck für sich – ein Verfahren, das ihm noch mehr Freiheit für Farbvarianten und manuelle Eingriffe bot. Zwischen 1969 und 1971 entstand in Zusammenarbeit mit dem Studio Quattro ein erster Höhepunkt seines grafischen Schaffens: die Editionen „Good Morning City“ und „Good Morning City – Bleeding Town“, realisiert in einer gewaltigen Gesamtauflage von 10.000 Exemplaren in 50 Farbvarianten zu je 200 Abzügen. Die Nachfrage war so groß, dass die Verlegerin versucht war, den Preis nachträglich zu erhöhen – Hundertwasser zog deswegen sogar vor Gericht, denn die Erschwinglichkeit seiner Grafik war ihm ein echtes Anliegen.

Anfang der 1970er-Jahre fand er in Günter Dietz einen Drucker, der seine Experimentierfreude technisch mittragen konnte. Für das Portfolio „Look At It On A Rainy Day“ erhielt jedes einzelne Blatt einen eigenen, besonderen Effekt – Metallprägungen, fluoreszierende und phosphoreszierende Farben, reflektierende Glasstaubaufblasungen, gedruckt auf Teerpackpapier, metallischem Karton oder farbigem Papier.

Mit der Druckgrafik betrete ich ein Paradies, das der Malerpinsel nicht mehr erreicht.
Hundertwasser, 1972

Zu Gast im Kunsthaus Watzl

Genau dieses Paradies können Sie ab dem 17. September im Kunsthaus Watzl besuchen. Die Verkaufsausstellung „Hundertwasser – Originalgrafik“ zeigt einen Querschnitt durch sein grafisches Oeuvre: Radierungen, Lithografien, Siebdrucke, japanische Farbholzschnitte und Mixed-Media-Grafiken, darunter mit „686 Good Morning City – Bleeding Town“ und „696A Testament in Gelb“ zwei besonders eindrucksvolle Siebdrucke aus jener Schaffensphase, von der ich Ihnen eben erzählt habe.

Die Ausstellung im Überblick

Hundertwasser – Originalgrafik

Verkaufsausstellung ab 17. September 2026

Kunsthaus Watzl, Schorndorfer Str. 120, 71638 Ludwigsburg

Freier Eintritt

Öffnungszeiten: Do 16–19 Uhr sowie Fr, Sa, So 12–17 Uhr

(neue Öffnungszeiten ab 1. November 2026, aktuell unter www.hundertwasser-ludwigsburg.de)

Sonderbesichtigungstermine: info@artmix24.de oder 07141 890080

(M)ein Fazit

Was mich an Hundertwassers Druckgrafik bis heute fasziniert, ist genau diese Widersprüchlichkeit: ein Künstler, der die Vervielfältigung eigentlich fürchtete, weil sie Gleichförmigkeit bedeuten konnte – und der gerade deshalb zu einem der großen Erneuerer dieser Technik wurde. Jedes Blatt ein kleines Unikat, jede Auflage ein Universum an Varianten. Wenn Sie das nächste Mal vor einer Hundertwasser-Grafik stehen, schauen Sie genau hin: Die Punkte am Rand, die Farbvarianten, die kleinen Unregelmäßigkeiten – sie alle erzählen die Geschichte eines Künstlers, der sein Paradies eben nicht nur auf der Leinwand, sondern auch auf der Druckplatte gefunden hat.

Ausgewählte Originalgrafiken von Friedensreich Hundertwasser aus der aktuellen Ausstellung sind im Kunsthaus Watzl erhältlich, darunter Siebdrucke aus den Editionen „Good Morning City“ und „Testament in Gelb“. Lassen Sie sich von der Farbvielfalt und Erfindungsgabe dieses Ausnahmekünstlers inspirieren – Barbara Watzl und ihr Team beraten Sie gerne persönlich.

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